Strahlentherapie: individuell, gezielt und schonend

Prof. Dr. Dr. med. Debus während einer Behandlungssitzung mit dem TomoTherapie-Gerät
Prof. Dr. Dr. med. Debus während einer Behandlungssitzung mit dem TomoTherapie-Gerät

Innovationen in der Radioonkologie geben Hoffnung

Neue Methoden in der Strahlentherapie helfen lindern und heilen. In Deutschland treten jährlich 420 000 Neuerkrankungen an bösartigen Tumoren auf. Bei der Erstdiagnose leiden 58 % an einer lokalisierten Erkrankung. 42 % der Patienten stellen sich mit metastasierter Erkrankung vor; hier hat sich der Tumor schon im Körper ausgebreitet.  

Für die Behandlung von Tumoren stehen verschiedene Optionen zur Verfügung. Die Tumorkontrolle wird erreicht:

Diese beiden Verfahren stellen mit 40% aller erfolgreichen Krebsbehandlungen die Hauptsäule dar.  

Strahlentherapie: Heilung eines lokalen Tumors und Palliativbehandlung

Die Strahlentherapie dient:

Der Begriff „palliativ“ stammt aus dem Griechischen (pallidum: Mantel) und bedeutet „einen Mantel um den Patienten legen“. Der Patient soll vor den Symptomen seiner Erkrankung geschützt werden, um ihm das Leben und den Umgang mit der Krankheit, z. B. bei Schmerzen, zu erleichtern. 

Das Aufgabengebiet der Strahlentherapeuten

Ein großer Fortschritt besteht darin, dass wir die unsichtbaren Tumore und die unsichtbaren Strahlen, die sie zerstören sollen, nun sichtbar machen können:

Der Vorteil: Z. B. kann ein Tumor, der um den Sehnerv herum wächst, aus verschiedenen Richtungen bestrahlt werden, so dass die Strahlendosis im Tumor hoch ist und gleichzeitig der in der Mitte liegende Sehnerv geschont wird. 

Intensitätsmodulierte Radiotherapie (IMRT) für geformte Strukturen

Noch vor 20 Jahren bestrahlte man mit rechteckigen Bestrahlungsfeldern. Mit der so genannten intensitätsmodulierten Radiotherapie (IMRT) lassen sich nun beliebig geformte Strukturen behandeln. Beim Prostatakrebs ließen sich damit Spätnebenwirkungen am Darm von 15% auf etwa 2% sehr deutlich senken. In Heidelberg wurde diese Technik 1997 erstmals in Europa eingesetzt. Derzeit werden etwa 8% aller unserer Patienten damit behandelt. Nachteil: Diese Technik dauert etwa dreimal so lange und erfordert einen höheren Personalaufwand.

Noch präziser: TomoTherapie oder Integrierte Adaptive Therapie

Für eine noch präzisere Bestrahlung wird ein Bildgebungsgerät wie z. B. ein Computertomograph mit einem Beschleuniger zusammen gebracht. Vor der Bestrahlung wird der Tumor in der Bildgebung dargestellt. Dann drehen unsere technischen Mitarbeiter den Tisch. Der Patient wird mit Hilfe von Lasern exakt positioniert und behandelt. Das Verfahren wird als TomoTherapie oder Integrierte Adaptive Therapie bezeichnet. Medizin im Spannungsfeld zwischen Ressourcen und Qualität Technisch möglich, aber aufwendiger ist es, die Bestrahlungsfelder im Laufe einer Bestrahlungsserie an das Kleinerwerden

des Tumors anzupassen. Der Standard ist heute allerdings immer noch, dass mit (zu) großen Bestrahlungsfeldern z. B. bei der Bestrahlung eines Lungentumors auch die Speiseröhre oder die gesunde Lunge mitbestrahlt werden. 

Neue Behandlungsmöglichkeiten

Wenn ein Patient bestrahlt wurde, kann es sein, dass man ihn nicht mehr weiter bestrahlen kann, er ist „ausbestrahlt“. Mit der IMRT-Technologie ist es jetzt möglich, bisher als ausbestrahlt geltende Situationen nochmals einer Bestrahlung zuzuführen, weil Umgebungsstrukturen nun geschont werden können. 

Zukunftsweisende Entwicklungen:Ionen und Protonen

Statt Röntgenstrahlung kann man für die therapeutische Bestrahlung auch geladene Teilchen einsetzen: Protonen oder Kohlenstoffionen. Diese Teilchen bleiben im Körper stecken. Zum einen kann so präzise die Stelle bestimmt werden, an der die Strahlung stecken bleibt und keine Strahlung mehr abgegeben wird – zum anderen kommt auch im Eingangsbereich weniger Strahlung an. Völlig unregelmäßig geformte Tumoroberflächen können so behandelt und Hochdosis- und Niedrigdosisbereiche frei definiert werden. Momentan applizieren wir diese Strahlen in Zusammenarbeit mit dem DKFZ und der Gesellschaft für Schwerionenforschung in Darmstadt – in Kürze auch hier in Heidelberg. In der Radiotherapie stehen viele technische Innovationen kurz vor Eintritt in die klinische Anwendung. Doch leider befinden sie sich häufig im Spannungsfeld zwischen Innovationsdruck und Finanzierung

Prof. Dr. Dr. med. Jürgen Peter Debus

 

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