Newsletter Operative Medizin Heidelberg
Sonderausgabe / 3.Quartal 2007

Krebsmedizin der Zukunft – Zukunft der Krebsmedizin

Krebskranke Kinder profitieren besonders von neuen, schonenden Therapien
Krebskranke Kinder profitieren besonders von neuen, schonenden Therapien

Es tut sich viel – und es gibt noch viel zu tun!

Das Deutsche Krebsforschungszentrum arbeitet an der Krebsmedizin der Zukunft. Mit neuen Entwicklungen und Konzepten in den drei Fachbereichen Prävention, Diagnose und Therapie lassen sich größtmögliche Erfolge für die Patienten erzielen.

Prävention – Vorbeugen ist bereits möglich

Mit der Markteinführung des ersten Impfstoffs gegen Gebärmutterhalskrebs konnte ein außerordentlicher Erfolg im Bereich der Prävention verbucht werden. Der Impfstoff, der eine Infektion mit krebserregenden Papillomviren verhindert, beruht wesentlich auf Forschungsergebnissen des Deutschen Krebsforschungszentrums. Zunehmende Bedeutung für die Krebsprävention erwartet man sich von der „molekularen Epidemiologie“, die Zusammenhänge zwischen Ernährung, Umweltfaktoren, Stoffwechselmerkmalen, genetischen Faktoren und Krebs aufzeigt. „Sekundärprävention“ umfasst das systematische Aufspüren bereits vorhandener, aber noch symptomfreier Krebsherde in einem so frühen Stadium, dass eine vollständige Heilung erreicht werden kann. Dabei ist die Entwicklung geeigneter Screeningmethoden ein wichtiges Forschungsziel. Zudem versucht man mittels Genanalyse, Personengruppen mit einem besonders hohen Krebsrisiko herauszu- filtern, um sie mit geeigneten Früherkennungsmethoden engmaschig zu überwachen.

Die Diagnose: detailgenau und individuell

Moderne Tumordiagnostik hat zum Ziel, Krebs und eventuelle Metastasen möglichst früh zu erkennen und möglichst viel Information über den individuellen Tumor zu erlangen.

  • Hochentwickelte „bildgebende Verfahren“ lassen feinste Strukturen, etwa haarfeine Blutgefäße, die einen Durchmesser von nur fünf Hundertstel eines Millimeters haben, erkennen.
  • „Molekulare Bildgebung“ ermöglicht es, anhand der Durchblutung oder des Stoffwechsels die Aggressivität des Tumorwachstums oder das Anschlagen einer Therapie zu beurteilen.

Gensignaturen helfen bei Diagnose und Prognose

Jeder Tumor hat seinen eigenen genetischen Fingerabdruck, der Information preisgibt:

  • ob die Erkrankung einen günstigen oder eher ungünstigen Verlauf nehmen wird
  • ob sich der Tumor mit einem bestimmten Zytostatikum behandeln lässt
  • ob auf ein anderes Medikament ausgewichen werden muss

Wichtige Einblicke in die Eigenschaften eines individuellen Tumors erwartet man sich von so genannten „Gensignaturen“. Dieses Nachweisverfahren beruht auf den Genen in gesunden und Tumorzellen. Mit Methoden der Hochdurchsatztechnologie können Differenzen im großen Maßstab analysiert und das gesamte Erbgut eines Tumors in einem einzigen Testdurchgang charakterisiert werden. Einige Gensignaturen sind bereits im klinischen Einsatz: Für die chronische BZell- Leukämie, dem häufigsten Blutkrebs beim Erwachsenen, wurde im Deutschen Krebsforschungszentrum ein aussagekräftiges Genprofil entdeckt. Eine aggressive oder eher gutartige Verlaufsform der Krankheit kann vorausgesagt und so eine für den Patienten maßgeschneiderte Therapie eingeleitet werden.

Krebstherapie heute:

zielgerichtet und personalisiert Moderne Krebstherapie folgt zwei Prinzipien:

  • Therapien sollen zielgerichtet wirken
  • Therapien sind häufig personalisiert

Früher wurden Krebsmedikamente danach ausgewählt, dass sie Krebszellen – wenn möglich – etwas effizienter und schneller abtöten als normale Zellen. Leider wurde oftmals der ganze Körper geschädigt, wo nur der Tumor getroffen werden sollte.

Heute versucht man zunehmend, Unterschiede in Physiologie und Stoffwechsel zwischen gesunder und Tumorzelle auf molekularer Ebene zu definieren und die Therapie gezielt auf das molekulare Detail auszurichten.

Herceptin – ein Antikörper gegen Brustkrebs

Bei rund 20 Prozent aller Brustkrebspatientinnen produzieren die Tumorzellen zuviel Protein HER2. Mit dem Medikament Herceptin wurde gezielt ein Antikörper entwickelt, der HER2 blockiert und die Wachstumssignale ins Leere laufen lässt.

Nach diesem auch als „rational drug design“ bezeichneten Prinzip sind bereits eine ganze Reihe von heute verfügbaren Krebsmedikamenten entwickelt worden. Der Einsatz von Computern macht zeitaufwändige Reagenzglasversuche über- flüssig. Das Zielmolekül wird heute oft dreidimensional auf dem Bildschirm rekonstruiert, um den Wirkstoff wie ein Puzzlesteinchen daran anzupassen. Das Medikament Herceptin ist auch ein gutes Beispiel für die „personalisierte Medizin“: Patientinnen erhalten nicht mehr ein und dieselbe Therapie, sondern jede ein auf ihre persönliche genetische Disposition abgestimmtes Medikament.

Partnerschaft und Kooperation sind notwendig

Moderne wissenschaftliche Methoden wie die Genomforschung, Gen-Chips oder die Systembiologie bringen eine Fülle neuer potentieller Zielmoleküle hervor, die sich möglicherweise als Angriffspunkte für neue Krebsmedikamente eignen. Um solche Substanzen systematisch zu bewerten und sie gegebenenfalls erste Entwicklungsstufen durchlaufen zu lassen, sind Forschungsinstitutionen auf Partner aus der Industrie angewiesen.

Eine solche Kooperation wurde im Bereich Radioonkologie mit der Firma Siemens etabliert. Unter anderem, um Weiterentwicklungen im Bereich der Strahlentherapie auf den Weg zu bringen. Idealerweise wird dabei dem Tumor eine so hohe Strahlendosis verabreicht, dass alle Krebszellen zerstört werden. Dies ist jedoch schwer zu erreichen, wenn emp- findliche Gewebe bei der Bestrahlung direkt in der „Schusslinie“ liegen.

Weniger Risiko durch "Intensitätsmodulierte Strahlentherapie (IMRT)"

Hier setzt die intensitätsmodulierte Strahlentherapie (IMRT) an: Mit diesem im Deutschen Krebsforschungszentrum entwickelten Verfahren ist es möglich, die Strahlendosis im Tumor zu erhöhen, ohne benachbarte Risikoorgane in Mitleidenschaft zu ziehen. Strahlentherapeuten streben heute schon die so genannte „bildgesteuerte Therapie“ an. Hier kann der Arzt den Tumor während der Bestrahlung durch bildgebende Verfahren kontrollieren, um beispielsweise atmungsbedingte Bewegungen und Verschiebungen der inneren Organe auszugleichen.

Interdisziplinär: Nationales Centrum für Tumorerkrankungen (NCT)

Deutsche Ärzte und Wissenschaftler orientieren sich am Beispiel der erfolgreichen US-amerikanischen „Comprehensive Cancer Center“, die Krebsforschung und Patientenversorgung auf höchstem Niveau unter einem Dach vereinen. Heidelberg hat hier mit der Gründung des Nationalen Centrums für Tumorerkrankungen (NCT) bereits 2003 eine Vorreiterrolle übernommen.

Prof. Dr. med. Otmar D. Wiestler

 

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2. Heidelberger Gesundheitstag:
„Krebsmedizin der Zukunft –
Zukunft der Krebsmedizin“
15.00 bis 15.25 Uhr