Newsletter Operative Medizin Heidelberg
Sonderausgabe / 3.Quartal 2007

Nationales Centrum für Tumorerkrankungen

Prof. Dr. med. Dirk Jäger im Gespräch

 

Was ist das besondere am NCT? Das „Nationale Centrum für Tumorerkrankungen“ (NCT) Heidelberg bietet dem Patienten das gesamte Spektrum der Krebsdiagnostik und Krebstherapie in einem Zentrum an. Nach Vorbild der „Comprehensive Cancer Centers“ werden wissenschaftliche Fragestellungen systematisch in die Patientenversorgung integriert. Dies bedeutet, dass ein Krebspatient im NCT Heidelberg alle Spezialisten verschiedener Fachrichtungen, die für die Behandlung seiner Erkrankung wichtig sind, vorfindet und diese Ärzte gemeinsam das für den individuellen Patienten beste Behandlungskonzept abstimmen. Darüber hinaus werden Patienten besonders innovative Therapieformen in klinischen Studien angeboten.

Wie ist der klinische Bereich im NCT aufgebaut? Die zentrale Anlaufstelle für Patienten ist die interdisziplinäre Tumorambulanz. Je nach Grunderkrankung werden Patienten direkt einer Spezialsprechstunde zugewiesen. Noch am Vorstellungstag wird nach Erhebung der Anamnese und der Sichtung der aktuellen Befunde jeder Patient in der täglich stattfindenden fachübergreifenden Expertenrunde, dem Tumorboard, besprochen. Aus dieser Diskussion resultiert eine individuelle Therapieempfehlung. Diese wird mit dem Patienten und dem überweisenden Arzt, der im Übrigen auch am Tumorboard teilnehmen kann, besprochen. Neben den onkologischen Sprechstunden bietet das NCT Heidelberg dem Patienten ein umfassendes Beratungsangebot (Ernährungsberatung, Raucherentwöhnung, Sportprogramm, Krebsinformationsdienst, psycho- und sozioonkologische Beratung und Brückenpflege) an. Systemtherapien (Chemotherapie, Immuntherapie, etc.) werden auf der NCT-Station oder teilstationär in den NCT-Tageskliniken durchgeführt.

Was sind die Vorteile für die Patienten und gibt es Nachteile? Die Zeiten, in denen Patienten nacheinander verschiedene Fachkliniken aufsuchen mussten, um alle für die entsprechende Erkrankung wichtigen Fachleute zu konsultieren, sind mit dem NCT Heidelberg vorbei – hier kommen die Spezialisten zum Patienten und nicht umgekehrt. Wir bieten den Patienten eine zentrale Anlaufstelle, die Pforte für den Patienten ist die interdisziplinäre Tumorambulanz. Offene Fragen können gleich vor Ort mit allen für den Fall relevanten Fachärzten besprochen werden. Nach der ärztlichen Untersuchung wird von diesen Experten der Fall interdisziplinär diskutiert und eine Therapieempfehlung entwickelt, die sich immer an einem qualitätsgesicherten Therapieplan orientiert und sich nach den aktuell gültigen Standards richtet. Innovative Therapieverfahren werden dabei immer berücksichtigt. Das Konzept „NCT Heidelberg“ ist ein sehr aufwendiges, wir binden viele Kollegen zeitlich stark ein, das Konzept bindet also Ressourcen. Letztendlich profitiert aber der Patient davon.

Was sind die bisherigen Erfahrungen? Wird das NCT bei den Patienten und einweisenden Kollegen angenommen? Das Konzept wird sehr gut angenommen. Die Patientenzahlen im NCT steigen und wir bekommen positive Rückkopplung von Patienten und einweisenden Kollegen. Zunehmend werden wir auch überregional bekannt und behandeln auch immer mehr Patienten, die von weit her kommen. Heute macht dies schon einen Anteil von etwa 50% aus. In unserer Anfangszeit wurden wir natürlich recht skeptisch von einigen Kollegen, die uns als Konkurrenz verstanden haben, beobachtet. Aber ich denke es ist klar, dass wir unseren Patienten eine optimale Versorgung nur dann zukommen lassen können, wenn wir mit den überweisenden Ärzten zusammenarbeiten. Letztendlich profitieren dabei beide Seiten. Mittlerweile haben wir schon einige niedergelassene Onkologen sogar als offizielle Kooperationspartner gewinnen können. Die Zusammenarbeit mit den niedergelassenen Kollegen regional und überregional ist ein wesentlicher Teil des NCT-Konzeptes.

Ausblick: Welche Entwicklungen sind geplant? Ein neues NCT-Gebäude ist in Planung und soll 2009 fertig gestellt werden. In diesem Gebäude werden wir endlich mehr Raum für die Spezialsprechstunden, für neue Behandlungsmethoden und die Wissenschaft haben. Dieser Neubau wird auch von der Deutschen Krebshilfe finanziell unterstützt.

Wie sieht die Forschung im NCT Heidelberg aus? In der Grundlagenforschung schaut Heidelberg mit dem Deutschen Krebsforschungszentrum (DKFZ) bereits auf eine lange erfolgreiche Geschichte zurück. Die Grundlagenforschung konzentriert sich dabei in erster Linie auf Mechanismen, die die Krebsentwicklung begünstigen und versucht daraus, neue Therapieansätze zu entwickeln. Das können Krebsimpfstoffe sein, therapeutische Antikörper, krebsabtötende Viren oder kleine Moleküle, die gezielt in Stoffwechselschritte der Tumorzelle eingreifen. Hochdurchsatztechnologien sollen es in Zukunft ermöglichen, Genmutationen in den Zellen der einzelnen Patienten zu identifizieren. Ein Schwerpunkt der Untersuchungen liegt auf der Charakterisierung der Funktion und der genetischen Veränderungen von Stammzellen, um ihre Rolle in der Krebsentstehung aufklären zu können. Ein weiterer wichtiger Schwerpunkt ist die Erforschung der Interaktion des Immunsystems mit Tumoren. Aus dem besseren Verständnis dieser Interaktionen lassen sich neue Strategien der Immuntherapie von Krebserkrankungen ableiten. Im klinischen Bereich laufen bereits eine Vielzahl von Studien, die neue Medikamente und Kombinationen mit anderen Therapieverfahren auf ihre Wirksamkeit hin untersuchen.

Wer ist in das NCT Heidelberg involviert? Mit Hilfe auch der Deutschen Krebshilfe wurde 2003 das moderne onkologische Konzept des Nationalen Centrums für Tumorerkrankungen etabliert. Beteiligt daran sind das DKFZ, die Medizinische Fakultät Heidelberg, die Thoraxklinik am Universitätsklinikum Heidelberg, die Orthopädische Universitätsklinik Heidelberg und die Deutsche Krebshilfe.

Vielen Dank Herr Prof. Dr. med. Jäger.

Mehr zu diesem Thema am 2. Heidelberger Gesundheitstag: „Nationales Centrum für Tumorerkrankungen – Alle für Einen!“ 12.05 bis 12.30 Uhr